24. April 2024

Intersektionale Perspektiven auf soziale Ausschließung – Empowerment und Powersharing als Ansätze Sozialer Arbeit

von
Sophie Mätzke-Hodžić und Abdiiseé Bersissa, Projekt Sisters* der LAG Mädchen und junge Frauen Sachsen
Vanessa Carl, Fachstelle Migration und Behinderung Sachsen beim SFZ Förderzentrum gGmbH Chemnitz
Claudia Jerzak, Projekt Etablierung einer Landesfachstelle FSA/MSA in Sachsen


Individuelle Positionierungen an Überschneidungspunkten (intersections) struktureller Ausschließungsebenen führen oft zu Erfahrungen, die über Mehrfachdiskriminierung hinausgehen.

Der im ersten Moment als feministische Theorie entwickelte Intersektionalitätsan-satz der US-amerikanischen Juristin und Frauenrechtlerin Kimberley Crenshaw nimmt dabei die Auswirkungen von Rassismus, Patriarchat, Klassenzugehörigkeit sowie anderen Systemen der Ausschließung in den Blick. Mehrfach marginalisierte Gruppen unterliegen einem erhöhten Risiko, von diesen intersections betroffen zu sein und somit Einschränkungen im täglich Leben wahrzunehmen. Mit dem Blick auf die Adressat*innen der Migrationssozialarbeit wird Intersektionalität in dem kurzen, sehr ansprechenden Videoclip von Sisters* prägnant erklärt: https://www.youtube.com/watch?v=F4L0BrrYlhc

Emilia Roig, Mitbegründerin des Berliner Center for Intersectional Justice, fasst die Zielrichtungen des Intersektionalitäts-Ansatzes so zusammen:

  • Diskriminierung innerhalb von Diskriminierung bekämpfen
  • Ungleichheiten innerhalb von Ungleichheiten sichtbar machen
  • Minderheiten innerhalb von Minderheiten empowern
  • Leave no one behind!

Emilia Roig sagt auch (aus biographischer Erfahrung), dass Diskriminierung besser verstanden wird, wenn man selbst betroffen ist – und deswegen auch das oft als zu komplex oder zu akademisch abgetane Intersektionalitätskonzept von Betroffenen verstanden wird, auch wenn sie nicht akademisch sind. Aufgrund dessen stellten sich an diesem Arbeitstisch zwei Projekte vor, die diesen marginalisierten Gruppen an spezifischen intersections mittels Empowerment und Powersharing Unterstützung anbieten.

Zum einen brachten Sophie Mätzke-Hodžić und Abdiiseé Bersissa Erfahrungen aus dem Projekt Sisters* der LAG Mädchen und junge Frauen Sachsen ein. Ziel des Projekts Sisters* ist es, Mädchen* und jungen Frauen* of Color in Sachsen, besonders im ländlichen Raum zu unterstützen und in ihrer Selbstbestimmung und Partizipation zu bestärken.  Mädchen* und junge Frauen* mit Migrations- oder Fluchtgeschichte haben gerade auch zu Räumen des Empowerments einen schwierigeren Zugang, so z.b. zum Bildungswesen und zu Angeboten der Kinder- und Jugendarbeit. Die Ansprechpartner*innen des Projektes agieren als role models, welche durch ihre eigene Erfahrung Empowermentarbeit leisten. Frauen* auf Colour in einer weiß dominierten Gesellschaft sichtbar zu machen, ist ein erster Schritt des Empowerment.

Zum anderen stellte Vanessa Carl die Angebote der Fachstelle Migration und Behinderung Sachsen beim SFZ Förderzentrum gGmbH Chemnitz dar. Die Fachstelle unterstützt Menschen mit Flucht und Migrationserfahrungen und mit Erkrankungen und/oder Behinderungen. Dabei beraten und begleiten sie auch die Träger und weitere Akteur*innen aus den Bereichen Teilhabe und Migration und bringen sie miteinander in Austausch.

Klient*innen lassen sich nicht mehr so leicht einem bestimmten Rechtskreis zuordnen. Die Überlagerungen von Fachbereichen und Zuständigkeiten und damit die Anforderungen an die Fachkräfte der Organisationen steigen. Die Fachstelle arbeitet mit einem breiten Netzwerk aus Dachverbänden, Beauftragten für Migration und Behinderung, Erstaufnahmeeinrichtungen, internationalen Arztpraxen, Fachmediziner*innen, Gesundheitsämtern, Gemeinschafts-unterkünften und Ämtern, Bildungsträgern, Arbeitsmarktintegration, Beratungsstellen für Menschen mit Behinderung ebenso wie Migrationsberatungsstellen oder psychosozialen Beratungsangeboten zusammen.

Als ein wesentliches Ziel versteht die Fachstelle die Sensibilisierung von Trägern, um Migrant*innen mit Behinderungen mit kulturoffenen, barrierearmen und niedrigschwelligen Angeboten zu unterstützen. Hierbei sollen alle Lebensbereiche (Arbeit, Bildung, Wohnen, Freizeit) in den Fokus genommen und bestehende Regelangebote bei der Erweiterung ihrer Angebote unterstützt werden.


Einstieg in den Workshop: Privilegienstern

Zum Einstieg in den Workshop „Intersektionale Perspektiven auf Soziale Ausschließung – Empowerment und Powersharing als Ansätze Sozialer Arbeit“ wurde die Methode des Privilegiensterns in Anlehnung des Privilegientest nach McCaffry und McIntosh durchgeführt (McIntosh 2003).

Aus Seilen wurde ein Stern auf dem Boden ausgelegt. An den Enden der Seile lagen Karten mit folgenden Kategorien: Gender (soziales Geschlecht), christliche Religion, Rassismuserfahrung, finanzielle Lage, Gesundheit, Eigenständigkeit, Ressourcen und Teilhabe. Es gab zudem die Möglichkeit für die Teilnehmer*innen weitere Kategorien hinzuzufügen. Die Teilnehmer*innen erhielten Klebepunkte und wurden gebeten ihre Privilegierung in den vorherig genannten Kategorien einzuschätzen. Der Klebepunkt konnte auf einem Kontinuum von sehr privilegiert am äußeren Ende des Seils bis nicht privilegiert im Inneren geklebt werden.

Foto: Guillaume Robin / LaFaSt

Bei der Mehrheit der Kategorien wurden die Punkte von den Teilnehmer*innen im Bereich zwischen sehr privilegiert und privilegiert geklebt. Ausschließlich bei der Kategorie „christliche Religion“ reichten die Punkte von sehr privilegiert bis zu nicht privilegiert. Weitere Kategorien wurden von den Teilnehmer*innen nicht hinzugefügt.

Im Anschluss wurden die Teilnehmer*innen zu Ihren Gedanken und Gefühlen zu dieser Methode gefragt. Die Methode habe veranschaulicht, dass sich die Teilnehmer*innen des Workshops in den meisten Kategorien privilegiert einschätzen. Zudem wurde festgestellt, dass die Teilnehmer*innen eine recht homogene Gruppe bilden, womit die ähnliche Einschätzung zu begründen sei. Es wurde dafür sensibilisiert, dass es Personen in unserer Gesellschaft gibt, die diese Privilegien nicht genießen.

Im Anschluss der Methode des Privilegiensterns stellten die Referent*innen Sophie Mätzke-Hodžić und Abdiiseé Bersissadie das Projekte sisters* rassismuskritische Mädchen*arbeit in Sachsen und Vanessa Carl die Fachstelle Migration und Behinderung Sachsen vor.


Fachinput zu:

Projekt Sisters*

von Sophie Mätzke-Hodžić und Abdiiseé Bersissa, Projekt Sisters* der LAG Mädchen und junge Frauen Sachsen

Vorstellung der Fachstelle Migration und Behinderung Sachsen

von Vanessa Carl, Fachstelle Migration und Behinderung Sachsen beim SFZ Förderzentrum gGmbH Chemnitz


Abschluss des Workshops: Worldcafé

Nachdem Sisters* und die Fachstelle für Migration und Behinderung ihre Projekte vorgestellt und Begriffe geklärt haben, gab es zum Abschluss drei Arbeitstische mit Fragen, die zunächst an den Tischen und danach im Plenum diskutiert wurden.

  1. Wie können wir Intersektionalität in unseren Arbeitskontexten berücksichtigen?
  2. Wie kann eine rassismuskritische Haltung in meiner Arbeit aussehen und was kann sie bewirken?
  3. Wie sind Ihre Erfahrungen mit Menschen mit Migrationsgeschichte und Behinderung im Arbeitskontext und was würde Sie in der Arbeit mit dieser Zielgruppe unterstützen?

Zu den Fragen 1. und 2. merkten Fachkräfte u.a. an, dass es zunächst Austausch innerhalb des Teams braucht. Welches Grundverständnis herrscht z. B. über bestimmte Begriffe und welche Wissensstände gibt es bezüglich Themen wie Rassismus und Intersektionalität. Es sollten Leitfäden erarbeitet werden, die eine Orientierung geben. Hierbei wurde die Ressource Zeit als Herausforderung angemerkt.

Außerdem besprachen Teilnehmende des Workshops, dass es im Allgemeinen einen Barriereabbau benötige, damit beispielsweise Menschen mit körperlichen Einschränkungen sowie Menschen der BIPOC Community mehr Zugänge erhalten. Dabei ist Selbstreflexion innerhalb des Teams und eine Sichtbarmachung von Barrieren wichtig, um nötige Schritte einzuleiten, die Intersektionalität im Arbeitsfeld mehr berücksichtigen. Generell sei es notwendig, dass der Begriff Intersektionalität noch mehr Eingang in Diskussionen erhalte und an Bekanntheit gewinne.

Teilnehmende äußerten zudem, dass es viele Bedarfe an Weiterbildungsangeboten/Integrationsangeboten an das SFZ Förderzentrum GmbH gäbe. Speziell zum Thema Migration und Behinderung.

Der Workshop hat aufgezeigt, dass das Thema Intersektionalität im Feld Soziale Arbeit / Migration Eingang gefunden hat. Durch die Vorstellung der Projekte sowie anhand der Redebeiträge wurde ersichtlich, dass es viele Perspektiven zu berücksichtigen gilt. Der Austausch zeigt, dass Menschen sich dafür mehr und mehr öffnen. Es gilt zukünftig neue Handlungsweisen zu entwickeln, die Intersektionalität praktisch umsetzen und dabei helfen, Barrieren abzubauen.

Vanessa Carl, Sophie Mätzke-Hodžić, Abdiiseé Bersissa, Claudia Jerzak

Diesen Artikel finden Sie in der Dokumentation des Fachtages:

“Soziale Ausschließung, Widerständigkeiten und die Rolle der Geflüchtetensozialarbeit” (2022)

Für eine kostenlose Druckversion schreiben Sie an info@lafast-sachsen.net


Quellenverzeichnis

  • McIntosh, Peggy: White Privilege and Male Privilege. A Personal Account of Coming to See Correspondences Through Work in Womens’s Studies, in: Kimmel, Michael/Ferber, Abby (Hrsg.): Privilege. A Reader, Westview: Cambridge 2003 147–160.
  • Abushi, Sakina und Pierre Asisi (2020): „Die Anderen“ Empowern? Versuch einer Begriffsbestimmung Für die politische Bildung und Pädagogische Praxis, in: Birgit Jagusch und Yasmine Chehata (Hersg.), Empowerment und Powersharing, Ankerpunkte – Positionierungen- Arenen, BELTZ Juventa: Weinheim Basel, S. 214-226.
  • Can, Halil (2021): Empowerment – Selbstbemächtigung in People of Color-Räumen, in: Susan Arndt und Nadja Ofuatey-Alazard (Hersg.), Wie Rassismus aus Wörtern spricht, (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache, Ein kritisches Nachschlagewerk, Unrast Verlag: Münster, S. 587-590.
  • Tupoka Ogette, exit RACISM, rassismuskritisch denken lernen, UNRAST-Verlag 2019. Rosenstreich, Gabriele (2020): Empowerment und Powersharing unter intersektionaler Perspektive, in: Birgit Jagusch und Yasmine Chehata (Hersg.), Empowerment und Powersharing, Ankerpunkte – Positionierungen- Arenen, BELTZ Juventa: Weinheim Basel, S. 227- 238.
Workshop 1-C des Fachtages „Soziale Ausschließung, Widerständigkeiten“

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