24. April 2024

Projekt Sisters*

von Sophie Mätzke-Hodžić und Abdiiseé Bersissa, Projekt Sisters* der LAG Mädchen und junge Frauen Sachsen


Camila Febres, Sophie Mätzke-Hodžić und Abdiiseé Bersissa
Das Sisters* Team

© Fotos: Samir Schatta

Sisters* versteht sich als intersektionales sowie rassismuskritisches Projekt, das Mädchen*arbeit für Mädchen* of Color im ländlichen Raum Sachsen anbietet.

Das Projekt gibt es seit 2019. Das Ziel ist es, Mädchen* of Color, die mehreren Diskriminierungsformen, u. a. Rassismus und Sexismus ausgesetzt sind, einen Safer Space[1] zu ermöglichen, in welchem sie sich frei entfalten können und in ihrer Identität bestärkt werden.

Regelmäßige Mädchentreffs

Empowerment ist demnach eines unserer großen Projektziele. Was das Programm der regelmäßig stattfindenden Treffs anbelangt, steht je nach den Wünschen der Mädchen* Spaß und Selbstentfaltung im Vordergrund. In den Treffs werden u. a. Tanzen, Basteln, Hausaufgabenbetreuung, thematische Workshops und Ausflüge angeboten. Derzeit hat Sisters* 3 Standorte, an denen wöchentlich Mädchen*treffs stattfinden, und zwar in Pirna, Freiberg und Torgau.

Im Team von Sisters* arbeiten 3 Frauen of Color. Als Frauen of Color wollen wir gewährleisten, dass wir die Erfahrungswelt der Mädchen* nachvollziehen können und als Role Models fungieren.

Gerade im ländlichen Raum fehlen Strukturen, die einen Safer Space für Mädchen* of Color anbieten. Mädchen* of Color sind im ländlichen Raum oftmals isoliert und es fehlen vielfach professionelle Ansprechpartner*innen, die für die Themen Rassismus und Machtverhältnisse sensibilisiert sind. Sisters* hat sich deshalb zum Ziel gemacht, Empowerment Strukturen im ländlichen Raum Sachsen zu etablieren. Wir arbeiten dabei eng mit Kooperationspartner*innen vor Ort zusammen. Derzeit bieten wir u. a. Mädchen*Treffs in einem Jugendhaus, in einer Oberschule im Rahmen eines GTAs sowie in der Außenstelle eines Vereins an.

© Fotos: Sisters*

Sisters* Camp

Eine Besonderheit stellt unsere Sommerfreizeit das Sisters* Camp, dar. Das Sisters* Camp richtet sich auch an Mädchen*, die beispielweise nicht zu den Mädchen*treffs kommen können, da sie an einem anderen Ort leben. Das Camp ist ein regionales Angebot, das die Möglichkeit bietet, Mädchen* of Color aus ganz Sachsen (ebenfalls Schwerpunkt ländlicher Raum) zusammen zu bringen. Das Sisters* Camp hat einen thematischen Schwerpunkt und schlägt eine Brücke zwischen bildungspolitischem Input sowie Freizeitangebot. Im Sisters* Camp 2022 war das Motto des Camps „My Body, My Rulez“.  Angepasst an die Zielgruppe von 11 – 27 Jahren wurde das Thema Schönheits- und Körpernormen im Camp besprochen und erfahrbar gemacht. Ein*e Yogalehrer*in bot beispielsweise Einheiten zu Entspannung und Yoga sowie Schönheitsnormen an. Das Ziel des Camps war es, den Mädchen* einen Raum zu geben, in welche sie sich kritisch mit Schönheit beschäftigen können. Mit welchen Schönheitsbildern werden sie in den sozialen Medien konfrontiert? Fühlen sie sich als Mädchen* of Color in den Medien repräsentiert? Dies waren unter anderem Fragen, über die die Mädchen* reflektierten.

© Fotos: Sisters*

Empowerment, Powersharing und Rassismuskritik

Im Folgenden definieren wir einige Begriffe, die im Sisters* Projekt von Bedeutung sind. Zunächst der Begriff Empowerment. In den 1950er etablierte sich der Empowerment Begriff als politisch-praktisches und theoretisches Konzept in der Schwarzen Bürgerrechtsbewegung in den USA . In den 1960/70er fand er sodann Einzug in die feministischen Frauenbewegungen und Migrant*innenselbstorganisationen in den USA und Deutschland.

Seit den 1980er findet eine Etablierung des Konzepts in weiten Teilen sozialer Bewegungen und Professionen statt.

„Im Kern des Begriffs Empowerment streckt „power“, d.h. Kraft, Stärke und Macht. Nicht Macht, verstanden als Dominanz, sondern die Macht, über das eigene Leben zu bestimmen, und Ungerechtigkeit zu verändern […]. Macht bedeutet hier die Möglichkeit an Entscheidungen beteiligt zu sein sowie über den Zugang zu materiellen Ressourcen (z.B. Wohnraum, Einkommen, öffentliche Anerkennung, Bildung) zu verfügen. Dadurch kann das Potential, das Macht innewohnt, im eigenen Interesse wirksam werden. Ich definiere Empowerment als den Prozess der Ausweitung von Machtzugang und damit von Handlungsspielräumen marginalisierten Gruppen auf der Grundlage von Selbstdefinition und Selbstbestimmung.“

Gabriele Rosenstreich

Powersharing ist ein weiterer wichtiger Ansatz, welchen wir mit unserer Arbeit verfolgen. Eine privilegierte Gruppe benötigt weder Empowerment, noch kann sie Empowerment anbieten. Eine Voraussetzung, um Powersharing zu betreiben, ist das Bewusstwerden der eigenen Macht und Privilegien. Darauffolgend können Ressourcen (z.B. Zeit, Raum, Geld, Öffentlichkeit, Kompetenz) der weniger privilegierten Gruppe zur Verfügung gestellt werden.

Dabei ist ein Verzicht auf Kontrolle und Entscheidungsgewalt über die Verwendung der Ressourcen ausgehend von der privilegierten Gruppe unumgänglich.

Des Weiteren verstehen wir uns als ein rassismuskritisches Projekt. Dies setzt voraus, dass wir Rassismus als ein wirkungsmächtiges sowie gewaltvolles System anerkennen, welches auf vielen Ebenen wirkt (z. B. medial, historisch, inter- sowie intrapersonell, institutionell). In diesem System werden nicht allen die gleichen Privilegien zu teil. Hautfarbe, Sprache, zugeschriebene Religion und/oder Herkunft entscheiden unter anderem darüber, wer gesellschaftliche Teilhabe erfährt. Weißsein gilt in diesem System als Norm und erfährt eine Aufwertung. Schwarzsein erfährt dagegen eine Abwertung. Wichtig ist hierbei zu erwähnen, dass Weiß und Schwarz soziale Konstruktionen sind und sich nicht (ausschließlich) auf die Hautfarbe beziehen. Eine rassismuskritische Perspektive einzunehmen heißt, auf Wirkungsweisen von Rassismus zu blicken und Gegenentwürfe zu entwickeln. Dabei reflektiert man sich selbst in diesem System und arbeitet daran, weniger gewaltvolle, gerechtere Strukturen zu erschaffen.

Sophie Mätzke-Hodžić, Abdiiseé Bersissa

Dieser Artikel gehört zum Workshop 1-C des Fachtages “Soziale Ausschließung, Widerständigkeiten und die Rolle der Geflüchtetensozialarbeit” (2022):

Intersektionale Perspektiven auf soziale Ausschließung – Empowerment und Powersharing als Ansätze Sozialer Arbeit

Diesen Artikel finden Sie in der Dokumentation des Fachtages:

“Soziale Ausschließung, Widerständigkeiten und die Rolle der Geflüchtetensozialarbeit” (2022)

Für eine kostenlose Druckversion schreiben Sie an info@lafast-sachsen.net


[1] Unter einem Safer Space verstehen wir einen geschützt(er)en Raum in dem z.B. Rassismuserfahrungen geteilt werden können und wir Projektmitarbeiter*innen adäquat mit dem, was die Mädchen berichten, umgehen. Sie sollen hier nicht, wie sich es oft in einer weißen Mehrheitsgesellschaft erleben, als anders wahrgenommen werden. Stattdessen sollen sie das Gefühl bekommen, in ihrem Sein gewertschätzt zu werden. Als Gruppe von Mädchen* of Color soll ihre Identität aufgewertet statt, wie es oft passiert, abgewertet werden.

Workshop 1-C des Fachtages „Konflikte und Aushandlungen um Soziale Arbeit mit Geflüchteten im Kontext sozialer Ausschließung“
Abdiiseé Bersissa, Projekt Sisters* der LAG Mädchen und junge Frauen Sachsen
Sophie Mätzke-Hodžić, Projekt Sisters* der LAG Mädchen und junge Frauen Sachsen

Fotos: Guillaume Robin / LaFaSt


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