25. April 2024

Vorstellung der Struktur, der Arbeitsweise und der Arbeitsinhalte der Landesarbeitsgemeinschaft Flüchtlingssozialarbeit/Migrationssozialarbeit (LAG FSA/MSA) in Sachsen

von Holger Simmat, Flüchtlingssozialarbeiter beim Caritasverband für Dresden e.V. im Landkreis SächsischeSchweiz/Osterzgebirge, Sprecher der LAG FSA/MSA


Welche Ausgangssituation führt zur Gründung/Etablierung der LAG FSA/MSA?

In Sachsen erfolgte seit 2014/15 eine (auch durch die Landespolitik) stärker forcierte Entwicklung der Flüchtlingssozialarbeit. Anfänglich über die „Richtlinie Soziale Betreuung“ finanziert, entwickelte sich seit 2015 sachsenweit ein fast flächendeckendes Angebot an FSA. Dabei waren große Unterschiede in der Konzeptionierung der Arbeit, den Arbeits- und Trägerstrukturen und der Umsetzung grundlegender Standards sozialer Arbeit festzustellen. Die Entwicklungen in der FSA wurden seit 2015 durch das an der EHS angesiedelte Team „Wissenschaftliche Begleitung der FSA“ in den Blick genommen. In einem Befragungsprozess von Fachkräften der FSA 2016/2017 wurde die (unterschiedliche) Situation im Arbeitsfeld analysiert. 2017/2018 fanden mehrere Regionalwerkstätten mit Akteuren der FSA, Kommunal und Ligavertreter*innen zur FSA in ländlichen Räumen und 2018 der Fachtag „Qvo vadis FSA“ statt. Im Rahmen der genannten Veranstaltungen wurde der Wunsch artikuliert, eine Plattform für trägerübergreifende und überregionale Vernetzung und für fachlichen Austausch in Form einer LAG zu etablieren.

Im Herbst 2018 fand ein Vorbereitungstreffen interessierter Akteur*innen statt. Gesammelt wurden erste Vorstellungen, welche Aufgaben und Ziele eine Landesarbeitsgemeinschaft in den Blick nehmen und angehen sollte Zu den wesentlichsten Anliegen gehörten der landesweite fachliche Austausch der im Arbeitsfeld tätigen Fachkräfte. Kommunale Unterschiede von Verwaltungshandeln und – Verwaltungsentscheidungen sollten in den Blick genommen werden, auch sollte ein sachsenweiter Überblick über Probleme und Bedarfe Geflüchteter gewonnen werden. Als absolut wichtig wurde der Austausch mit Politik und Verwaltung über festzuschreibende fachliche Standards in der FSA erachtet.

Eine beauftragte Arbeitsgruppe erarbeitete im Frühjahr 2019 aus den Vorschlägen ein „Selbstverständnis“ der LAG und ein Papier „Struktur und Arbeitsweise“. Eine Gründungsversammlung im September 2019 wurde terminiert. Zur Mitgliedschaft eingeladen waren Fachkräfte der FSA und verschiedene Organisationen wie z.B. Vereine, Verbände und Unternehmen, die in der Sozialen Arbeit im Themenfeld Migration und Flucht tätig sind. Alle Interessierten konnten Rückmeldungen zu den Arbeitspapieren geben, über die zur Gründung final abgestimmt werden sollte.

Gegründet wurde die LAG am 26.09.2019 mit 37 Gründungsmitgliedern; die Zahl der Mitglieder ist bis heute auf 44 angewachsen. Abgestimmt wurden die Arbeitspapiere und der Name der LAG. Die Entscheidung ging knapp zugunsten LAG FSA/MSA aus. Gewählt wurden vier Sprecher*innen.

Bewusst wurden Einzel- und Verbandsmitglieder zur Mitgliedschaft eingeladen. Durch die Mitgliedschaft von Verbänden und Organisationen sollte die LAG stabiler aufgestellt sein und stärkeren Rückhalt in der Trägerlandschaft erhalten. Entschieden wurde, dass verbandliche Mitglieder im Feld der FSA tätig sein müssen und als Vertreter*innen Fachkräfte benennen sollen.


Welche Ziele werden von der LAG verfolgt?

Im erarbeiteten „Selbstverständnis“ der LAG werden folgende Ziele benannt:

  • Sichtbarmachen von Bedarfen und Problemlagen von Geflüchteten und anderen Migrant*innen,
  • Stärkung der Fachkräfte und Verbesserung der Rahmenbedingungen im Berufsfeld,
  • Interessensvertretung für Geflüchtete und Fachkräfte der FSA und Lobbyarbeit,
  • Weiterentwicklung des Berufsfeldes,
  • Einflussnahme auf politische Entscheidungen im Themenfeld Migration und Flucht.

Umgesetzt und erreicht werden sollen diese Ziele durch:

  • regelmäßigem, überregionalem Informations- und Erfahrungsaustausch,
  • Vernetzung und Zusammenarbeit zwischen den Fachkräften und Trägern,
  • Öffentlichkeitsarbeit,
  • Kooperationen mit anderen Fachgremien, Institutionen, Verbänden und der Liga der freien Wohlfahrtspflege in Sachsen,
  • Organisation von Fortbildungen/Fachtagungen.

Was wurde bisher erreicht?

Als landesweites Netzwerk nahm die LAG schnell nach der Gründung verschiedene (überregionale Themen) in den Blick. Schon auf der Gründungsversammlung wurde das Jahresthema für 2020 von den Mitgliedern bestimmt: „Fachstandards in der FSA“. Es entstanden Unterarbeitsgruppen, die inhaltliche Positionen erarbeiteten (AG Fachstandards) oder z.B. die Öffentlichkeitsarbeit in den Blick nahmen.

Beispiele konkreter Arbeitsthemen:

  • Im Frühjahr 2020 wurde durch die AG Fachstandards das Positionspapier „Fachstandards in der FSA“ erarbeitet und in der LAG abgestimmt.
  • Nach einem Online-Fachtag im Juni 2020 wurde die „AG Lobby“ gegründet, die Möglichkeiten zu Implementierung von Fachstandards der FSA im geplanten Sächsischen ITG ausloten sollte. Die AG erarbeitete einen „komprimierten Forderungskatalog“ der kurz und knackig grundsätzliche Kernforderungen zur FSA für das geplante SITG enthält (Forderungen: langfristig gesicherte Finanzierung, Subsidiaritätsprinzip bei Vergabe der FSA, Qualifikation für Multiprofessionelle Teams, Personalschlüssel von 1:50, Etablierung einer Ombudsstelle).
  • Aktuell wird die FSA über die Sächsische KommunalPauschalenVerordnung finanziert. Diese sollte ab 2022 novelliert werden. In der alten, 2019/2020 gültigen, waren keinerlei qualitative Anforderung oder Standards von den Mittelempfängern gefordert. Hier beteiligten sich LAG-Mitglieder im Herbst gemeinsam mit anderen Akteuren (Vertreter*innen von Liga und EHS) an einer Kommunikation mit dem SMS, wo die Notwendigkeit der Formulierung wenigstens grundlegender Standards auch in der SächsKomPauschVO aus Sicht der Praxisakteure begründet werden konnte. Ein kleiner Erfolg, in der im Oktober 2021 veröffentlichten neuen KomPauschVO finden sich ein paar relevante Formulierungen[1]!
  • Im Kontext dieser Gespräche schrieb eine Arbeitsgruppe der LAG einen Brand-Brief mit einer Situationsbeschreibungen zur FSA in Sachsen an Ministerin Köpping (Februar 2021).
  • Bis heute wurden nach der Gründung drei Jahrestreffen/Fachtage organisiert, zwei digital.
  • Seit Mai 2021 trifft sich im Abstand von 1-2 Monaten eine Arbeitsgruppe „kollegialer Austausch zu Abschiebepraxen und FSA in Sachsen“ (AG Abschiebung). Im Mittelpunkt der Treffen stehen Informationsaustausch und berufsethische Reflektionen.
  • Von Mai bis September 2021 fand eine Intensive Beteiligung an den acht Fachkonferenzen für das geplante Sächsische Integrations- und Teilhabegesetz statt. Die LAG war über Mitglieder und Sprecher*innen bei drei Konferenzen konkret eingeladen, ihre Positionen und Forderungen in Arbeitsgruppen und auf Podien einzubringen.
  • Die Sprecher*innen der LAG stehen in engem inhaltlichem Austausch mit dem Fachausschuss Migration der Liga der freien Wohlfahrtsverbände.

Gut zwei Jahre nach Gründung lässt sich sagen: Die LAG ist gut ins Arbeiten gekommen und wird als Akteurin wahr- und ernstgenommen!


Was könnte besser laufen?

Viele der mit Praxiserfahrung erarbeiteten Forderungen für verbesserte Rahmenbedingungen für die Zielgruppe geflüchteter Menschen und für die Fachkräfte im Arbeitsfeld stehen auf dem Papier, die Umsetzung bleibt oft ungewiss. Hier lernen die Mitglieder gemeinsam, dass es einen langen Atem braucht (das SITG soll erst 2024 kommen…). Für strukturell/organisatorische Dinge wie Website- und Mitgliederpflege fehlen oft Kapazitäten – die Arbeit der LAG läuft für Sprecher*innen und Mitglieder neben dem Alltagsgeschäft in der Beratungsarbeit. Die laufende Aktivierung der alten und auch die Gewinnung neuer Mitglieder bleibt Thema. Nachgedacht wird auch über Möglichkeiten von hauptamtlichen Stellen, um die Arbeit der LAG zu forcieren.

Forciert werden könnte auch die Klärung der Rolle und möglicher Mitarbeitsformen der Einzel- und Verbandsmitglieder. Verbände werden auch von der LIGA vertreten, hier sollte noch klarer gezeigt werden, welche inhaltliche Lücke die LAG mit Blick auf das Arbeitsfeld der FSA füllt. Hier ist Kommunikation wichtig und notwendig!


Welche Voraussetzungen müssen gegeben sein, damit diese Art der Zusammenarbeit und Vernetzung gut läuft?

  • Die in der LAG behandelnden Themen müssen für die Mitglieder eine tatsächliche und praktische Relevanz haben. Bei evtl. unterschiedlichen Interessen (Einzel/Verbandsmitglieder; Öffentlicher/Freier Träge) ist das gegebenenfalls schwierig. Wichtig ist hier, auf Augenhöhe zu kommunizieren.
  • Auch müssen die Mitglieder die Sinnhaftigkeit und Wirksamkeit ihrer Aktivitäten in der LAG erfahren
  • Es braucht geeignete Arbeitsformen (Moderation) und Räume, um zu bearbeitenden relevanten Themen zu finden – in einer Pandemie ist gerade das nicht leicht.
  • Über die vier Sprecher*innen hinaus braucht es Mitglieder, die Themen einbringen und deren Bearbeitung aktiv einfordern und begleiten („Vorantreiber“).
  • Die persönliche Kapazität für die Arbeit in der LAG und die Bearbeitung der Themen muss vorhanden sein, auch das ist nicht immer einfach im Arbeitsfeld der FSA.
  • Es braucht Akzeptanz für die Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit dieser Form von Netzwerkarbeit bei Anstellungsträgern und Geldgebern; Fachkräfte sollten im Rahmen ihrer Tätigkeit auch Raum dafür erhalten. Nur ehrenamtlich getragen funktioniert die Arbeit langfristig nur bedingt. Hilfreich könnten hier hauptamtliche Stellen sein, um die Aktivitäten der LAG zu koordinieren.

Welche Erfahrungen könnten auf andere Räume und Kontexte übertragbar sein?

In den gut zwei Jahren des Bestehens der LAG konnte bestätigt werden, dass die Zusammenarbeit von interessierten Akteur*innen die Wirksamkeit des Handelns deutlich erhöht. Netzwerke wie die LAG werden stärker wahr- und ernstgenommen. Innerhalb des Netzwerkes können Themen multiperspektivisch in den Blick genommen werden. Erarbeitete Lösungsansätze können bei Entscheidungsträgern vom Netzwerk leichter als von aktiven Einzelpersonen eingebracht werden. Hohe Hürden (Arbeitsaufwand, geschlossene Türen) werden in Gemeinschaft eher überwunden. Aktive „Vorantreiber“ sind allerdings nötig, um Themen zu identifizieren und ihre Bearbeitung zu forcieren. Es bedarf guter (ggfls. gut moderierter) Kommunikation (möglichst nicht nur digital…), intern und extern. Dann kann viel gelingen…


Holger Simmat

Dieser Artikel gehört zum Arbeitstisch 2 des Fachtages “Vom Ankommen und Bleiben – Soziale Arbeit mit geflüchteten Menschen zwischen Innovation und Verstetigung” (2021):

Vernetzung und Kooperation jenseits der Regelstrukturen

Diesen Artikel finden Sie in der Dokumentation des Fachtages:

“Vom Ankommen und Bleiben – Soziale Arbeit mit geflüchteten Menschen zwischen Innovation und Verstetigung” (2021)

Für eine kostenlose Druckversion schreiben Sie an info@lafast-sachsen.net


[1]https://www.revosax.sachsen.de/vorschrift/19379#p3

Online-Fachtag “Vom Ankommen und Bleiben – Soziale Arbeit mit geflüchteten Menschen zwischen Innovation und Verstetigung”
Holger Simmat, Flüchtlingssozialarbeiter beim Caritasverband für Dresden e.V. im Landkreis SächsischeSchweiz/Osterzgebirge, Sprecher der LAG FSA/MSA

Screenshots: LaFaSt


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