25. April 2024

Migrationsprojekte, Integrationsdimensionen und Integrationsprozesse

Oder: warum Integration mehr umfasst als Spracherwerb, Bildung und Arbeit.

von Prof. Dr. habil. Albert Scherr, Pädagogische Hochschule Freiburg, Institut für Soziologie


Unter dem Titel „Migrationsprojekte, Integrationsdimensionen und Integrationsprozesse. Oder: warum Integration mehr umfasst als Spracherwerb, Bildung und Arbeit.“ besprach Prof. Albert Scherr (PH Freiburg) Aufgabenstellung und Schwierigkeiten von Flüchtlingssozialarbeit. Erfolgsbedingungen und Risiken der Integration von Geflüchteten stellte er vor dem Hintergrund internationaler Studien und eigener Forschung dazu dar.

Eine Grundlage bildet ein kürzlich abgeschlossenes qualitatives Forschungsprojekt zu krisenhaften Entwicklungsverläufen und problematischen Verhaltensweisen bei jungen Geflüchteten. Ausgehend von einer knapp gefassten Kritik politischer und medialer Dramatisierungen, die junge männliche Geflüchtete als bedrohliche Problemgruppe darstellen, werden Überlegungen zu Anforderungen an eine Soziale Arbeit dargestellt, die darauf ausgerichtet ist, eine dem Bedarf junger Geflüchteter angemessene Unterstützung zu ermöglichen.

Die Thesen, Ergebnisse empirischer Erhebungen und Schlussfolgerungen daraus finden sich weitestgehend in dem open-Access zugänglichen Beitrag „Junge Geflüchtete gesellschaftlich integrieren. Konzeptionelle Anforderungen an Unterstützungsmaßnahmen“ in Sozial Extra (H. 1/2021): https://link.springer.com/content/pdf/10.1007/s12054-020-00354-8.pdf

Seinen Vortrag stellte Albert Scherr als Power Point für den Fachtag “Vom Ankommen und Bleiben – Soziale Arbeit mit geflüchteten Menschen zwischen Innovation und Verstetigung” (2021) zur Verfügung. Sie können auf dieser Seite Einblick nehmen.


Bezüge zur eigenen Forschung

  • Qualitativ-biografische Studien zu Integrationsverläufen,
    Diskriminierungserfahrungen und erfolgreichen Bildungsprozessen
  • Evaluation des Programms „Vielfalt gefällt II“; Ziel: Förderung von Begegnungen zwischen Einheimischen und Geflüchteten
  • Evaluation des Programms „Demokrat/innen von Anfang an“,
    Ziel: Öffnungen der offenen Jugendarbeit für Geflüchtete
  • Projekt „Gescheiterte Flüchtlinge?“ zu krisenhaften Verläufen bei jungen Geflüchteten und der Rolle der Sozialen Arbeit in Integrationsprozessen

Theoretischer Rahmen

  • Soziale Arbeit ist generell (nicht nur bei Migrant/innen bzw. Geflüchteten) mit „Integrationsproblemen“ befasst, d.h.
    • mit den Auswirkungen sozialer Benachteiligungen auf die gesellschaftlichen Teilhabemöglichkeiten von Individuen und Familien;
    • damit zugleich mit den Auswirkungen von Ungleichheiten, Ausgrenzung und Diskriminierung auf die Lebenschancen ihren Adressat/innen;
    • also auch mit Spannungen und Konflikten zwischen gesellschaftlichen Bedingungen und Erwartungen einerseits, den Vorstellungen ihrer Adressat/innen über ein gutes oder jedenfalls erträgliches Leben andererseits.

(Dazu als theoretische Grundlage: M. Bommes/A. Scherr, Soziologie der Sozialen Arbeit, Weinheim und München 2012).


Was unterscheidet Geflüchtete von anderen Adressat/innen der Sozialen Arbeit?

  • Die (mehr oder weniger große) Unsicherheit ihrer aufenthaltsrechtlichen Zukunftsperspektive.
  • Die rechtlichen Restriktionen im Bereich des Arbeitsmarktzugangs, bei der Wahl des Wohnsitzes, bei der Familienzusammenführung sowie der ausländerrechtliche Ausschluss von demokratischen Grundrechten.

MIPEX 2000: Deutschlands Integrationspolitik ist im internationalen Vergleich zurückgefallen, rangiert nicht mehr unter den TOP 10.

  • Daraus resultierend: Ein großer „Integrationsdruck“, wenn Rückkehroptionen ausgeschlossen sind, bei gleichzeitig erheblichen rechtlichen Integrationsbehinderungen.

Schon in diesen, aber auch in allen anderen Hinsichten sind Flüchtlinge keine homogene Zielgruppe.
Soziale Arbeit mit Geflüchteten benötigt deshalb differenzierte Konzepte.


Integration = Qualifizierung + Erwerbsarbeit?

  • Politische Dominanz der arbeitsmarktbezogenen Integrationserwartung
    Z.B.: „Die Jugendmigrationsdienste haben als Angebot der Jugendsozialarbeit in erster Linie die Aufgabe, junge Menschen mit Migrationshintergrund, die Unterstützung am Übergang Schule/Ausbildung/Beruf benötigen, mit dem Verfahren des Case Managements und dem Instrument des individuellen Integrationsförderplans zu beraten und zu begleiten.“ (BMFSFJ, Grundsätze, Stand 8.1.2020)
  • Häufig: Überformung der sozialarbeiterischen/sozialpädagogischen Perspektive durch Aufenthaltssicherung für „gut integrierte“ nach §25a und 25b bzw. 60d (Beschäftigungsduldung) AufenthaltsG.
  • Latente gesellschaftliche Erwartung der Bereitschaft, sich möglichst dankbar, schnell und geräuschlos gesellschaftlich einzufügen.
  • Starke Abhängigkeit der beruflichen Integrationschancen von den lokalen/regionalen Arbeitsmärkten (Wohnsitzauflage)

Integration als mehrdimensionaler Prozess

  • Strukturelle Integration, soziale Integration, kulturelle Adaption sowie Sicherheit und Stabilität als miteinander verschränkte Aspekte
    (Ager/Strang 2018).
  • Bedeutung sozialer Kontakte und Beziehungen zu Einheimischen und bereits Angekommenen:
    • Informeller Spracherwerb
    • Unterstützung und Praxiswissen im Umgang mit Alltagsangelegenheiten und Behörden
    • Emotionale Sicherheit durch Erfahrungen der Zugehörigkeit und Anerkennung
    • Bedeutung informeller Kontakte für Zugang zu Praktika, Jobs, Ausbildungsstellen und Wohnungen
  • Soziale Integration ist sowohl von eigenständiger Bedeutung, als auch indirekt ein wesentliches Hilfsmittel für Spracherwerb und berufliche I.

Was erschwert soziale Integration?

  • Abwehrhaltungen bei Einheimischen.
  • Rückzug von Regelangeboten der Sozialen Arbeit auf „Komm-Struktur“.
  • Ggf. sozialräumlich separierte Unterbringung.
  • Ggf. unbearbeitete psychische Belastungen.

Sozialarbeit als Förderung sozialer Integration?

  • Flüchtlingssozialarbeit sollte ein erweitertes Mandat (und erforderliche Ressourcen) aktiv einfordern
  • Offenheit von Regelangeboten muss aktiv hergestellt werden:
    • Abbau von Abwehrhaltungen bei bisherigen Nutzern
    • Aktive Vermittlung des Sinns jeweiliger Angebote (z.B. Jugendzentren, Jugendverbände, Volkshochschulen) an Geflüchtete
    • Ggf. persönliche Begleitung beim Zugang zu Angeboten
  • Bedarf an aufsuchender und aktivierender Arbeit bei „schwer erreichbaren“ jungen Erwachsenen.

Migrationsprojekte:
Integration als wechselseitiger Prozess

  • Integration vollzieht sich idealiter als Herstellung einer Passung zwischen Migrationsprojekten Geflüchteter einerseits, den Bedingungen und Möglichkeiten der Aufnahmegesellschaft anderseits.
  • Migrationsprojekte = unterschiedliche Zielsetzung und Erwartungen Geflüchteter (etwa: irgendwie Überleben; Mandatierungen durch Familien; berufliche Aspirationen; dauerhafte Niederlassung oder Rückkehroption; ….)
  • Gute Sozialarbeit begleitet und unterstützt den Prozess, in dem Geflüchtete eine Passung zwischen ihren ursprünglichen Migrationsprojekten und den vorgefundenen Gegebenheiten herzustellen versuchen. (Umfassende und ergebnisoffene Fallanalyse; Zeit für Dialoge)

Geflüchtete als Jugendliche

  • Umwege, Irrwege, Prozesse der Reorientierung sind normale Bestandteile der Jugendphase.
  • Junge Geflüchtete sind auch Jugendliche, welche jugendtypische Entwicklungsaufgaben unter atypischen und schwierigen Bedingungen bewältigen müssen.
  • Sozialarbeiterischer Klärungsbedarf: Was sind angemessene Rahmenbedingungen und Umgangsweisen mit jungen Menschen, die zugleich jünger und älter sein können als altersgleiche Einheimische?
  • Kontinuierliche und geduldige Begleitung ihrer Entwicklung.
  • Rechtliche Rahmenbedingungen: Bei Unbegleiteten unrealistische Vorgaben für Verselbständigung.

Negative Kreisläufe

  • Schlechte bildungsbiografische Verläufe – Belastung durch Unsicherheit des Aufenthaltsstatus – unzureichende informelle und/oder professionelle Unterstützung – schulisches bzw. berufliches Scheitern – fehlende Tagesstruktur + Langeweile – Drogenkonsum als Selbsttherapie – Straftaten + Sanktionen – Arbeitsverbote + Perspektivlosigkeit …
    Z.B.: „Die Geflüchteten aus nordafrikanischen Ländern (Algerien, Tunesien, Marokko) müssen … bald nach ihrer Ankunft in Deutschland eine massive Enttäuschung verarbeiten: Für sie gibt es weder ein Bleiberecht, noch eine Arbeitserlaubnis. (…) Diese frustrierenden Botschaften erhöhen das Risiko, in die Illegalität abzutauchen und Gewalttaten zu begehen.“ (Baier/Kliem 2019.: 117)

Erfordernisse, Forderungen und Perspektive

  • Wie kann Beziehungsarbeit und Fallverstehen ohne gemeinsame Sprache gelingen? Dolmetschende als Teil des Arbeitsbündnisses.
  • Verbesserung der Vernetzung zwischen Flüchtlingssozialarbeit und Regelangeboten; zentralisierte Fallverantwortung?
  • Flüchtlingsrechtliche Sensibilisierung der Mitarbeiter/innen der Regeldienste, Pädagogische Qualifizierung der Fachdienste der Flüchtlingssozialarbeit.
  • Verbesserung aufenthaltsrechtlicher Möglichen für alle, die faktisch hier bleiben werden.

Prof. Dr. habil. Albert Scherr

Diesen Artikel finden Sie in der Dokumentation des Fachtages:

Flüchtlingssozialarbeit auf dem Weg der Integration von Menschen mit Flucht- und Migrationshintergrund– Entwicklungen, Positionierungen, (Heraus)Forderungen” (2020)

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Screenshots: LaFaSt


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